Was Trainer & Therapeuten über die Nutzung von MRT-Bilder wissen sollten

1. Ernstzunehmende Spielräume

In einer Studie wurde ein (!) Proband in einer Zeitspanne von 3 Wochen in 10 unterschiedlichen MRT-Zentren an der Lendenwirbelsäule untersucht. Anschließend wurden die Ergebnisse interpretiert und gegenübergestellt.
Die Ergebnisse zeigten eine erstaunlich hohe Variabilität und Diagnose-Fehlerrate, die letztendlich zu den unterschiedlichsten therapeutischen oder operativen Empfehlungen geführt hätten (Herzog et al. 2017).

Hier wird erneut die Notwendigkeit der Entkopplung von Schmerzen und strukturellen Abnormitäten deutlich, die mit einer Vielzahl an weiteren Studien untermauert werden kann:

  1. Wirbelsäule (LWS): 52% der asymptomatischen Probanden hatten min. eine verbildlichte Abnormität, die zu einer OP führen könnte (Jensen et al. 1994).
  2. Hüfte: 70% schmerzfreier Hockeyspieler hatte abnormale Becken- oder Hüftstrukturen & 54% deutliche Labrum-Abrisse (Silvis et al. 2011).
  3. Knie: 60% der 44 beschwerdefreie Probanden zeigten in min. 3 von 4 Knieregionen Degenerationen oder Rissen der Minisken (,Beattie 2005).
  4. Schulter: 23% der Teilnehmer hatten asymptomatische Bänderrisse in der Rotatorenmanschette (Tempelhof et al. 1999).

2. Strukturelle Abnormität ≠ Schmerz

Natürlich bedeutet diese Darstellung der Ergebnisse nicht, dass ein verbildlichter struktureller Schaden unter keinen Umständen etwas mit der Schmerzgenerierung zu tun haben kann – liegt z.B. ein akutes Trauma vor, besteht sogar grundsätzlich eine über­durch­schnitt­lich hohe Korrelation zwischen Strukturänderung und Schmerzwahrnehmung (Moseley & Butler 2003).

Nach all diesen Informationen sollten einem jedoch die Alarmglocken angehen, wenn das Wort „Zufallsbefund“ in der Nachbesprechung fällt.

Festzuhalten ist, dass es noch viele weitere Variablen zu beachten gilt, die neben des strukturellen Zustands unseres Körpers in die letztendliche Schmerzgenerierung beachtet werden müssen (Atlas & Wager 2012, Caneiro et al. 2020, alle Werke von Moseley & Team).

Die MRT kann also nicht die gesamte Geschichte erzählen. Aber diese kleine Zusatzinformation über den Zustand meines Körpers kann doch nicht schaden…oder vielleicht doch?

Abgesehen davon, dass ein Fehlalarm (nach Abklärung möglicher Red Flags) zu unnötigen und eventuell sogar kontraproduktiven Behandlungen und Eingriffen führen kann, besteht die Gefahr der Chronifizierung der Symptome durch den sogenannten Nocebo-Effekt und der iatrogenen Fixierung des Patienten.

Denn unser Gehirn verarbeitet dauerhaft eine enorme Menge an Informationen, um zu entscheiden, was eine potenzielle Gefahr für unseren Körper darstellt (Treede 2016, Thomaidou et al. 2021, Beck 2016, Deyo & Weinstein 2001) – einschließlich…

  1. Sensorische Daten aus unterschiedlichen Gewebearten.
  2. Vergangene Erinnerungen und Emotionen wie Angst.
  3. Die Verfügbarkeit von sozialer & medizinischer Unterstützung.
  4. Zukünftige körperliche & psychische Anforderungen.

3. Fazit

Die MRT kann ein hilfreiches und zumal notwendiges Werkzeug darstellen. Dieses kann jedoch wie andere Hilfsmittel falsch eingesetzt werden, indem es zu stark gewichtet, ohne solide Begründung angewendet und nicht im Kontext weiterer Werkzeuge aller relevanten Professionen gesehen wird.

Denn wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel (auch Maslow’s Hammer genannt).

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