Sportverletzungen – Die Rolle der Aufmerksamkeit & Bewegungsvariabilität (Teil 2)

Im ersten Teil des Kompakt-Artikels haben wir uns im Kontext der Reduktion von Sportverletzungen mit den Thematiken “Anpassung vs. Genesung” und “Interner vs. Externer Fokus” beschäftigt und ihre weiterführende Relevanz für die Rehabilitation als auch Leistungssteigerung angeschnitten. Im zweiten Teil geht es nahtlos weiter, wobei wir nach einer kurzen Einsicht in relevante, unterfütternde Studien das spannende Thema der Bewegungsvariabilität fokussieren und dadurch weitere Trainingsimplikationen herausstellen werden.
Zur Erinnerung, die erste Implikation für Trainer und Therapeuten lautete: die Anleitung von Übungen sollte hauptsächlich auf “externe Cues” aufbauen.
Dazu gibt es noch einige weitere interessante Einsichten, die wichtige Differenzierungen und Bestätigungen für die Praxisumsetzung mit sich bringen:

1. Externe Cues – Für eine individuell begründete Umsetzung in die Praxis

1.1 Der Distanz-Effekt

McNevin und Kollegen konnten herausstellen, dass neben des Vorteils einer externen (vs. einer internen) Aufmerksamkeitsfokussierung, eine größere Entfernung des externen Fokus, also weiter vom Körper weg, den Vorteil sogar noch ausbauen kann. Wie konnten sie das feststellen? Mit einem sehr greifbaren Experiment: Die Probanden wurden auf einen Stabilometer gestellt und unterschiedliche nahe oder ferne Bodenmarkierungen sollten fokussiert werden. Die weitentfernteste Markierung hatte dabei den besten Outcome in Bezug auf die Balance. Weitere, bestätigende Ergebnisse wurden auch im Kontext von Kayaking, Dartwürfen und Weitsprüngen gefunden. Abschließend gibt es noch die recht frische Einsicht, dass dieser Effekt eher bei fortgeschritteneren Sportlern greift und bei Anfängern zunächst eine kleine Entfernung des externen Fokus gewählt werden sollte.

1.2 Effektpotenzial ist unabhängig von der Einstellung/Vorzüge des Athleten

Hier kommen neben der optimierten Fokussetzung noch zwei interessante Spieler hinzu: die Bevorzugung einer Fokusart und die Erwartungshaltung des Athleten. Unabhängig davon, ob der Athlet einen internen oder externen Fokus bevorzugte, der angewiesene externe Fokus hatte immer den stärkeren Effekt, verglichen zum angewiesenen internen Fokus. D.h. trotz unseres Wissens darüber, dass die Erwartungshaltung und Vorzüge eines Athleten einen starken Einfluss auf die Lern- und Leistungsfähigkeit haben können, hatte die Anweisung eines externen Fokus immer den größeren positiven Einfluss zeigen können. Ein schönes Beispiel dafür, dass wir als Trainer und Athlet doch nicht immer auf intuitive Art und Weise die richtige Strategie fahren, oder?

1.3 Verletzungen führen zu einem internen Fokus

Kommen wir an dieser Stelle zurück zu den Sportverletzungen, denn diese scheinen uns trotz aller Trainingsbemühungen dazu zu bringen einen internen Fokus zu setzen. An sich muss man dafür nicht lange nach Begründungen suchen, denn Verletzungen bringen meist akute, und zum Teil wiederkehrende Schmerzen mit sich, die “von Natur aus” einen internen Cue darstellen. Dazu kommt die Angst der erneuten Verletzung und die zum größten Teil auf “interne Cues” aufbauenden Rehabilitationsanweisungen (“Schieb deine Knie nach außen” etc.). Diese Erkenntnis konnte u.a. vom grandiosen Rob Gray untermauert werden, der mit Hilfe von “Secondary Tasks” (Hauptbewegung + eine zweite, ablenkende Aufgabe) den Fokus von Baseball-Athleten mit operierten Knie- & Ellbogenverletzungen, nichtverletzte Athleten und eine Anfänger-Kontrollgruppe verglich.

2. Bewegungsvariabilität

Die Notwendkeit einer natürlichen, funktionellen (!) Bewegungsvariabilität haben wir schon in der Vergangenheit mit Hilfe von Nikolai Bernsteins “Repetition without Repetition” angeschnitten (für alle ‘Functional’-Allergiker, zu denen ich mich auch zähle: Ja, so wird sie wirklich in der Literatur genannt ;-)). Diese Variabilität stellt für unser Bewegungssystem eine Vielzahl an Bewegungslösungen bereit, um immer wieder auf die unkonstanten Eigenschaften unserer Umgebung (Equipment, Gegner/Mitspieler, Wetter etc.) und inhärenten Veränderungen (Ermüdung, sich verschätzen etc.) angemessen antworten zu können. Nun konnte eine Vielzahl an Studien zeigen, dass diese funktionelle Bewegungsvariabilität nach einer Verletzung signifikant eingeschränkt ist (u.a. #1, #2, #3).
In anderen Worten, die Athleten haben nur noch ein kleineres Menü an Bewegungslösungen und können so möglicherweise nicht allen Bedingungen gerecht werden (evtl. besteht genau dadurch auch eine erhöhte Chance einer Wiederverletzung?). Was können wir nun im Trainingssetting dagegen tun?

2.1 Externe Cues & Secondary Tasks

Abgesehen von der zuvor angesprochenen Fokussierung auf die Nutzung von externen Cues können wir auch mit Hilfe von leicht ablenkenden “Secondary Tasks” den Fokus des Athleten verschieben. Diese sollten jedoch im Verlauf der Rehabilitation wieder nach und nach von der Zielübung entkoppelt werden. Anbei ein paar Beispiele:

  • Wahrnehmung und Wiedergabe von unterschiedlichen visuellen Cues in Bezug auf die Qualität während einer Bewegungsaufgabe (Während der Landung auf unterschiedliche Trainer-Gestiken oder -Positionen im Raum achten)
  • Wahrnehmung und Wiedergabe von Audio-Cues in Bezug auf das Timing während einer Bewegungsaufgabe (“Kam der Klatscher vor, während oder nach deinem Sprung/deiner Landung/deiner Ausholbewegung?”)
  • Bewegungsaufgaben durch ein “Decision-Task”-Design erweitern (Fitlights oder Hütchen in untersch. Farben aufstellen und variierende, nicht vorhersehbare Sequenzen programmieren)

Diese Beispiele sind zwar direkt von einigen “Secondary Task”-Studien abgeleitet worden, sollten aber wie immer mit einem gesunden Stück Skepsis gehandhabt werden. Denn was ich mit noch größerer Überzeugung behaupten kann ist, dass das SAID-Prinzip (Trainingsprinzip der Spezifität) noch immer ordentlich und ohne Ausnahme greift und die Kopplung von Perzeption und Aktion in Trainings-/Reha-übungen so gut wie möglich der Zielbewegung entsprechen sollte.
Letztendlich entscheidet unser Wissen über und das Verständnis für die individuelle Lern- und Rehaphase des Athleten darüber, ob aktuell mehr “gestormed” oder mehr “performed” werden muss um das gemeinsame Ziel zeiteffizient und nachhaltig zu erreichen.

Soweit! Vielen Dank für Euer Interesse und bis hoffentlich zum nächsten Montag!

Pat

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