Sportverletzungen – Die Rolle der Aufmerksamkeit & Bewegungsvariabilität (Teil 1)

Auch wenn wir es aus der Sicht des großen Forschungs- und Anwendungsfelds der ‘Verletzungsprävention’ anders formulieren wollen würden: Verletzungen sind ein fester Bestandteil der Sportwelt. Derweilen konnten zwar viele Interventionen herausgestellt werden, die die Wahrscheinlichkeit einer Verletzung signifikant reduzieren können (z.B. das Fifa 11+ Programm für die Knieverletzungsreduktion), Kontakt- als auch Nicht-Kontakt-Verletzungen sind jedoch nicht gänzlich auszuschließen. Diese Einsicht ist vor allem durch die jeweils komplexen Naturen des menschlichen Körpers, der Umwelt und der eigentlichen Bewegungsaufgaben zu begründen, die im Universum des Sports auf höchstem Niveau zusammentreffen.
Diese “Prävention-gleich-Reduktion-Erkenntnis” sollte uns jedoch nicht davon abhalten, die schon vorhandenen und vielversprechenden Ansätze auszubauen bzw. zu optimieren. Genau hier setzen wir nun an, indem wir uns auf die zwei, meist vernachlässigten, Größen der “Aufmerksamkeit” & “Bewegungsvariabilität” in Kontext der Sportverletzungen konzentrieren.

1. ‘Anpassung’ anstelle von ‘Genesung’

Das alte Zitat “You can never step in the same river twice” (Heraclitus) kann die Tatsache wunderschön erfassen, dass wir uns als Mensch an die stetig variierenden und uns umgebenden Bedingungen anpassen müssen. Dabei können wir grob drei Bedingungsgrößen festhalten (von Newell, 1986):

  • Die Aufgabe (Der Sprung, die Landung; das Bewegungsziel)
  • Der Organismus (Unser Körper; die inneren Faktoren)
  • Die Umwelt (Der Berg, der See, die Piste, das Wetter, das Equipment…; die äußeren Faktoren)

Eine Verletzung kann an sich als eine Bedingungsveränderung verstanden werden, an die sich der Organismus anzupassen hat. Unsere Bewegungshardware und -software ist dabei mit solch einer überflüssigen Vielfalt ausgestattet, dass sich immer neue Bewegungslösungen finden lassen, auch wenn der ursprüngliche Zustand der Hardware nicht mehr wiederhergestellt werden kann. Einige Indizien dafür sind in den zahlreichen physiologischen Abnormitäten (Verletzungen, oder auch Anpassungen) bei funktions-Uneingeschränkten Athleten zu finden (vgl. dazu unseren Artikel hier; eine weitere, schöne Untermauerung dieser Sichtweise ist zudem im Paper “Treat the donut, not the hole” zu finden). So stellen z.B. auch High-Impact-Landungen & -Drehungen für das Knie ohne Kreuzband keine Unmöglichkeit dar (siehe alle konventionell behandelten Sportler). Wir haben also nach einer Verletzung eine neue Situation, einen neuen “River”, für die es eine optimale Anpassung zu finden gilt.

2. Aufmerksamkeitsfokus

Kommen wir zunächst zu den Definitionen der unterschiedlichen Aufmerksamkeitsfokus-varianten. Man unterscheidet hierbei hauptsächlich zwischen den folgenden Möglichkeiten:

  • Interner Fokus der Aufmerksamkeit
    • Hierbei wird der Fokus auf den eigenen Körper bzw. auf die Körperbewegungen gelegt, während eine Fertigkeit ausgeübt wird.
    • z.B. Wie verhält sich meine Hüfte bei der Landung? Welche Körperhaltung nehme ich ein, um einen Rückwärtssalto einzuleiten?
  • Externer Fokus der Aufmerksamkeit
    • Hierbei liegt der Fokus auf die Auswirkung der eigenen Körperbewegungen auf die Umwelt
    • z.B. wie genau landet mein Board (auf dem Wasser)? Wohin bringe ich mein Board, um einen Rückwärtssalto einzuleiten?

Auch wenn die Unterschiede zunächst klein erscheinen: in der wissenschaftlichen Literatur bildet sich seit geraumer Zeit ein starker Konsens ab, der die Vorteile einer externen Fokussetzung für eine verbesserte Bewegungsleistung und ein effizienteres Bewegungslernen beständig unterstreicht (Wulf, 2012).
Damit wäre die erste Implikation für Trainer und Therapeuten im Kontext der Leistungssteigerung, Verletzungschance-reduktion und -rehabilitation erreicht: die Anleitung von Übungen sollte hauptsächlich auf “externe Cues” aufbauen. So also die aktuelle Literatur – wobei wir die Nutzung von internen Cues nicht pauschal verwerfen, sondern vielmehr an der Ausweitung der eigenen “Cueing Toolbox” in Richtung externe Fokussierung und hilfreiche Analogien arbeiten sollten (dazu mehr handfestere Beispiele in einem zukünftigen Artikel).Im zweiten Teil des Artikels werden wir einige relevante Studien genauer unter die Lupe nehmen, das Thema der Bewegungsvariabilität anschneiden und dadurch weitere Trainingsimplikationen herausstellen.Vielen Dank für das Interesse und bis zum nächsten Montag!Pat

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