Schmerzverständnis 2.0 – Teil 2: Ein aktuelles Erklärungsmodell, Neuroplastizität & Neurotags

Nachdem wir im ersten Teil des Artikels die Kausalität zwischen Gewebeschäden und Schmerzwahrnehmung entknotet und aktualisiert haben, werden wir uns im zweiten Teil mit dem aktuellen Erklärungsmodell von Schmerzen und weiteren Analogien zum Verständnis von Schmerzen beschäftigen und so den dritten Teil einleiten, indem einige spezifische, trainerrelevante Chancen zur nachhaltigen Schmerzreduktion und Leistungssteigerung exemplarisch aufgeführt werden.
Vor allem durch die bildgebende Möglichkeit des funktionellen MRTs haben wir in den letzten Jahren spannende Erkenntnisse sammeln können, die unser Verständnis von der Funktionsweise unseres Gehirns in ein neues Licht rücken konnten.
Auch wenn wir dieses Jahr noch feststellen mussten, dass eine Vielzahl an fMRT Ergebnissen aufgrund eines Bugs in der Software und einer falschen Kalibrierung der Sensibilität hinterfragt werden müssen (1): die Kernergebnisse der Schmerzforschung sollen davon nicht betroffen sein (soweit unsere Recherche, ausgehend von der Stellungnahme Lorimer Moseleys).

Was also können wir aus den bunten Gehirn-Bildern entnehmen und welche Rolle nehmen diese in der Schmerzforschung & -therapie ein?

Vereinfacht können wir sagen, dass wir nun (teilweise) erkennen welche Gehirnareale bei bestimmten Handlungen, Gefühlen, Reflexen etc. “feuern”, also aktiviert werden. Bewegen wir z.B. einen Finger, leuchtet das dafür benötigte Netzwerk an Neuronen gemeinsam auf. Spannend dabei ist, dass sich nicht nur der motorische Cortex meldet, über den die Bewegung initiiert wird, sondern auch der Stirnlappen, indem die bewusste Handlung geplant wurde, der somatosensorische Cortex, der vorab die Position des Fingers gescant und fortwährend überprüft und weitere Areale, die u.a. Erfahrungen und eine Vielzahl an weiteren Variablen, die mit der Bewegung größtenteils unbewusst in Verbindung stehen, abrufen. Die daraus resultierende Repräsentation eines “Neuronen-Netzwerks”, oder auch “Neurotag” genannt, ist dabei alles andere als festverdrahtet. Heutzutage wissen wir, dass unser Gehirn die Fähigkeit besitzt sich ein Leben lang zu verändern und sich den Gegebenheiten anzupassen (=Neuroplastizität), was positiv als auch negative Folgen haben kann:

neue Neurotags können geformt, alte aufgebrochen oder modifiziert und oft genutzte können sogar effizienter aufgerufen werden.

Nun ist in diesem Arbeitsmodell das Schmerzempfinden auch als ein bestimmter Neurotag zu verstehen, der aufgrund der langfristig betrachtet schlecht ausgelegten Programmierung unseres Alarmsystems tiefgreifende Veränderungen mit sich bringen kann. Nehmen wir dafür die folgende Abbildung zur Hilfe:

  • Betrachten wir nur den rotmarkierten “Nozizeption-Neurotag”, sehen wir die exemplarisch vernetzte Aktivierung bestimmter Gehirnareale, resultierend aus einem Gefahrensignal aus der Peripherie: hier z.B. die Aufnahme via Rezeptoren von schnellen, ungewohnten Spannungsänderungen im unteren Rücken. Dieser Neurotag allein kann eine Schmerzwahrnehmung auslösen, sobald unser ZNS entschieden hat dass die Spannungsänderung in der Periphere eine potentielle Gefahr darstellt: wir verspüren also ein schmerzhaftes Zwicken im Rücken.
  • Der gelb markierte Motor-Neurotag steht für den eigentlichen Befehl und die Ausführung einer Beugung des Rückens und feuert z.B., wenn wir einen leichten Gegenstand energetisch effizient vom Boden aufheben möchten.
  • Der grünmarkierte Kognition-Neurotag wird aktiviert, wenn wir unsere Meinung, Erfahrung und Glauben zum Thema “runder Rücken = ungesund” aufrufen.

Die Abbildung soll hauptsächlich verdeutlichen, dass sich alle drei Neurotags bestimmte Neuronen teilen. Diese Überschneidung birgt die Möglichkeit einer Kopplung, wenn diese Strukturen wiederholt gemeinsam aktiviert werden. In unserem neuronalen Universum gilt also:

“What fires together, wires together”

Ähnlich wie bei der klassischen Konditionierung nach Pawlow
(Hund->Glocke+Essen->Sabbern —Wiederholungen— Nur noch Glocke->Sabbern) wird nach mehrmaliger Wiederholung in Zukunft nur noch ein Neurotag benötigt, um die weiteren zwei zu aktivieren: Hebe ich also demnächst etwas vom Boden auf, feuert neben dem Motor-Tag (gelb) nun auch der Nozizeption-Tag (rot) und Schmerzen werden generiert ohne zwangsweise Gefahrensignale aus der Peripherie erhalten zu haben. Diese Kopplung kann sich so tiefgreifend verankern, dass es für einige Menschen sogar reicht nur einen runden Rücken zu sehen oder über das Thema Rücken zu sprechen (grün), um Rückenschmerzen wahrnehmen zu können.Im Kontext wiederkehrender Schmerzen scheint unsere Fähigkeit der Neuroplastizität zunächst kein Segen zu sein. Wie sie jedoch zur “Wissenschaft der Hoffnung” wird und wie wir Trainer sie uns zu Nutze machen können, werden wir im dritten Teil des Artikels anschneiden.
Übrigens: tiefgreifender mit den schmerzreduzierenden Maßnahmen und der dadurch resultierenden Leistungssteigerung beschäftigen wir uns im Rahmen unseres Trainer-Seminars “Pain & Performance LVL1”!

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