MRTs & Co. – die Interpretations-Spielräume & Grenzen von Verbildlichungen struktureller Abnormitäten

OX Shareology | 5min read |Vor kurzem wurde eine Studie veröffentlicht, in der ein und derselbe Proband in einer Zeitspanne von 3 Wochen in 10 unterschiedlichen Magnetresonanztomographie (MRT) Zentren an der Lendenwirbelsäule untersucht wurde und die von den Experten interpretierten Ergebnisse gegenübergestellt wurden (1). Die Ergebnisse zeigten eine erstaunlich hohe Variabilität und Diagnose-Fehlerrate, die letztendlich unterschiedlichsten therapeutischen oder sogar operativen Empfehlungen geführt hätten. Eine wichtige Erinnerung an die Tatsache, dass neben dem unaufhaltbaren technologischen Fortschritt am Ende immer noch der Mensch steht, die MRT-Bilder in der Hand hält und interpretiert.

Diese Veröffentlichung gab einen aktuellen Anlass dafür, alle relevanten Notizen zum Thema “MRT & Co.” zu sichten, zusammenzuführen und weitere Schwierigkeiten zu beleuchten, die bei einer zu starken Gewichtung der Verbildlichung unserer Körperstruktur auftreten können:

MRTs und Schmerzen

In unserem Artikel über das Schmerzverständnis 2.0 haben wir die Entkopplung von Schmerzen und strukturellen Abnormitäten mit einer Vielzahl an Studien untermauern können, die zeigten, dass MRTs in wichtigen Gelenk-Regionen strukturelle “Probleme” feststellen konnten, obwohl die betroffenen Gelenke langfristig gänzlich schmerzfrei waren. Hier nochmals eine kurze Tour durch eine Reihe von asymptomatischen Gelenken und deren MRT Verbildlichungen:

  • Rücken – in einer bekannten Studie (2) wurden Probanden ohne Rückenschmerzen via MRT untersucht. 52% hatten mindestens einen Prolaps (Bandscheibenvorfall), eine Protrusion (Bandscheibenvorwölbung) oder andere Abnormitäten, für die grundsätzlich ein operativer Eingriff dem Protokoll entsprechen würde.
  • Hüfte – eine Studie (3) an schmerzfreien Hockeyspielern konnte herausstellen, dass bei 70% der Probanden abnormale Becken- oder Hüft-Strukturen und bei 54% Labrum Abrisse vorlagen.
  • Knie – in dieser Studie (4) wurden 44 beschwerdefreie Freiwillige im Alter von 20 – 68 untersucht. 60% zeigten Abnormitäten in mindestens 3 von 4 Knieregionen, die vor allem mit diversen Degenerationsformen oder Rissen der Menisci einhergingen.
  • Schultern – In dieser Studie (5) wurden bei 23% der Teilnehmer mit asymptomatischen Schultern Bänderrisse in der Rotatorenmanschette nachgewiesen.

Natürlich bedeutet diese Darstellung der Ergebnisse nicht, dass ein verbildlichter struktureller Schaden unter keinen Umständen etwas mit der Schmerzgenerierung zu tun haben kann – liegt z.B. ein akutes Trauma vor, besteht sogar grundsätzlich eine über­durch­schnitt­lich große Korrelation zwischen Strukturänderung und Schmerzwahrnehmung. Nach all diesen Informationen sollten einem jedoch die Alarmglocken angehen, wenn das Wort “Zufallsbefund” in der Nachbesprechung fällt. Und sicherlich hätte gerne jeder von uns ein aufgeräumtes MRT-Bild und keine Bestätigung eines in uns wohnenden Gewebekunstwerks. Festzuhalten ist, dass es noch viele weitere Variablen zu beachten gilt, die neben dem strukturellen Zustands unseres Körpers in die letztendliche Schmerzgenerierung beachtet werden müssen.

Unnötige Eingriffe & der Nocebo-Effekt

MRTs können also nicht die gesamte Geschichte erzählen. Aber diese kleine Zusatzinformation über den Zustand meines Körpers kann doch nicht schaden, oder vielleicht doch?
Aktuell kann angenommen werden (und unsere persönliche Erfahrung bestätigt), dass viele Experten den Ergebnissen eines MRTs eine zu große Rolle zusprechen und, wie oben angedeutet, eine Missdeutung in nicht seltenen Fällen zu überflüssigen, eventuell sogar kontraproduktiven Behandlungen und Eingriffen führt.
Weiterhin können die dem verletzten Sportler kommunizierten Ergebnisse einen Nocebo-Effekt (analog zum Placebo-Effekt) auslösen, der Ängste schüren, Schmerzen verschlimmern und möglich einhergehende Dysfunktionen erst gar hervorbringen kann (weiterführend: (6)). Dabei sollte uns im Kontext einer engen Sportlerbetreuung und produktiven Kommunikation nichts fernerliegen, als die wahrgenommenen Schmerzen als “Nur-im-Kopf-Phänomen” abzutun. Jeder wahrgenommene Schmerz ist real und für den Sportler sehr wohl greifbar, denn unser Gehirn verarbeitet dauerhaft eine enorme Menge an Informationen um zu entscheiden, was eine potentielle Gefahr für unseren Körper darstellt – einschließlich der sensorischen Daten aus unterschiedlichen Gewebsarten, vergangenen Erinnerungen, Emotionen wie Angst, die Verfügbarkeit von sozialer und medizinischer Unterstützung und zukünftigen körperlichen Anforderungen. Mit dieser Erkenntnis dürfen wir davon ausgehen, dass das Gehirn die Information eines Experten im weißen Kittel gewichtet einfließen lässt und ein verbal geschaffenes Bild einer verschobenen, vorgewölbten, auf den Nerv drückenden Bandscheibe die Schmerzwahrnehmung intensiviert. Hierzu ein Kommentar vom Schmerzforscher Lorimer Moseley, der im Ted Talk “Why Things Hurt” über seine Liebe zu den Bandscheiben-Modellen spricht, die häufig auf den Schreibtischen von Orthopäden zu finden sind:

Any piece of credible evidence that they are in danger should change their pain … And they are all walking into a hospital department with models like this on the desk: … it messes with your brain. It cannotNOT mess with your brain.

Konklusion

Die zu stark gewichtete Verbildlichung struktureller Abnormitäten sind guter Nährboden folgender Aussagen: “Sie haben die Kniegelenke eines 80-Jährigen”, “Knochen liegt auf Knochen” et cetera. Heutzutage wissen wir, dass diese Fakten in Bezug auf wiederkehrende Schmerzen und Funktionalität vorwiegend eine untergeordnete Rolle einnehmen, die daraus resultierenden Aussagen jedoch einen starken und nachhaltigen Eindruck hinterlassen, bis hin zu einer lebenslangen verzerrten und fragilen Körperwahrnehmung. Hier sind wichtige und wissenschaftlich bestätigte Lösungsansätze die fokussierte Schulung einer richtigen Kommunikation mit dem Schwerpunkt auf die Entdramatisierung struktureller Befunde und die Wissensvermittlung über die Wirkmechanismen der Schmerzwahrnehmung (Unsere Literaturempfehlung: Explain Pain von Butler & Moseley | Therapeutic Neuroscience Education von Louw). Ähnlich wie einem Menschen mit Flugangst zu erklären und zu verbildlichen, wie ein Flugzeug fliegen kann und welche grundlegenden Mechanismen dahinterstehen, sind richtig vermittelte Informationen als sehr einflussreich in der Schmerztherapie einzustufen.MRTs können ein hilfreiches und zumal notwendiges Werkzeug darstellen. Dieses kann jedoch wie andere Hilfsmittel falsch eingesetzt werden, indem es zu stark gewichtet, ohne solide Begründung angewendet und nicht im Kontext weiterer Werkzeuge aller relevanten Professionen gesehen wird. Denn: Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel.

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