Dunning Kruger Effekt

“Eines der schmerzhaftesten Dinge unserer Zeit ist, dass diejenigen, die sich sicher fühlen dumm und laut sind und jene, die mit einer gewissen Vorstellungskraft und einem allgemeinen Verständnis daher kommen, mit Zweifel und Unentschlossenheit ringen.” – Bertrand Russell (frei übersetzt)

Das einleitende Zitat des britischen Philosophen Bertrand Russell fasst den Dunning-Kruger-Effekt und seine heutige Relevanz wunderschön zusammen. Dieses menschliche Manko, das auf unvollständigem oder fehlgeleitetem Wissen beruht, führt auch viele Trainer und Sportler dazu, zum Teil recht lächerliche Dinge zu glauben, zu sagen und zu tun. Darüber hinaus hindert es sie daran, ihre eigenen Fehler zu erkennen und motiviert nicht selten dazu, die ‘Dummheit’ anderer öffentlich hervorzuheben. Wir alle haben diese Zone der Selbsttäuschung erlebt und es ist auch relativ leicht, sich darin zu verfangen. Insbesondere für diejenigen, die unabhängig von ihren ‘kognitiven Fähigkeiten’ ein hohes Maß an Erfolg erreicht haben. In diesem Kommentar geht es hauptsächlich um die Relevanz des Effekts in unserer Profession und die Möglichkeit sich davor zu schützen im falschen Teil der Dunning-Kruger-Kurve hängenzubleiben. 

Der Dunning-Kruger-Effekt im Trainer-Setting

Als Trainer ist der Weg vom Anfänger zum Experten aufgrund der komplexen und zahlreichen relevanten Themenfelder eine große Herausforderung, wobei ein großes Hindernis dabei die Realisierung der eigenen Wissensgrenzen darstellt. Wenn dieser Schritt übersprungen wird, liegt häufig eine zu enge Konzeptualisierung der zu erreichenden Leistungsfähigkeit (oder Schmerzreduktion) und der dafür benötigten Interventionsmöglichkeiten vor. Neben der nun häufig angesprochenen Affinität von Trainern zu Neuro-Mythen liegt bei der Reha- & Trainingsgestaltung noch immer vermehrt der Fokus auf biomedizinische Faktoren – insbesondere die rein biomechanische Perspektive im Kontext von Sportverletzungen und sportlicher Leistung. Die menschliche Leistungsfähigkeit ist jedoch bekanntlich komplex und multifaktoriell (hierzu 11 wichtige Paper), sodass wir als Trainer biologische, ökologische, soziale und psychologische Faktoren mit berücksichtigen müssen. Das Nichterkennen der Wichtigkeit und die fehlende Fähigkeit, die Komplexität in unserer Entscheidungsfindung zu erkennen, kann darauf deuten, dass man sich am höchsten “Confidence-Punkt” der Dunning-Kruger-Kurve befindet. Hinzu kommt, dass Menschen sich häufig von selbstbewussten Menschen angezogen fühlen und diesen folgen, da die ausgestrahlten Attribute leicht mit Know-How und Führungsqualitäten verwechselt werden können (vgl. auch den Halo-Effekt). Trainer oder Therapeuten werden auch durch die Zusammenarbeit mit erfolgreichen Athleten beurteilt. Wenn ein Trainer mit hochkarätigen Sportlern zusammenarbeitet, ist es durchaus wahrscheinlicher, dass man die publiken Gewinne der Sportler mit der Eigenleistung als Trainer in Verbindung bringt – insbesondere wenn etwas besser wird, schreiben wir es uns gern auf die eigene Kappe. Wenn wir uns jedoch von unserem Ziel entfernen, muss es einen anderen Grund außerhalb des Trainings dafür geben (vgl. u.a. den “Illusion of Control”- Bias oder Selective Perception – Bias). Somit kann das Selbstvertrauen und das Ego mit einer Geschwindigkeit wachsen, die häufig in keinem Verhältnis zum Fachwissen steht. Selbst für die engagiertesten Trainer ist es nicht einfach, auf der Dunning-Kruger-Kurve voranzukommen. Die Lernreise kann schmerzhaft sein, insbesondere wenn wir beginnen, die Grenzen unseres Fachwissens zu erkennen. Egos stürzen sich in eine Grube der Verzweiflung und das Ergebnis kann zu einer Vertrauenskrise ausarten (“was und wem kann man denn jetzt noch glauben?”). Kommt es so weit, sollte man sich klarmachen, dass Selbstzweifel und das Erkennen von eigenen Fehlern völlig normal und ein wichtiger Teil der Reise sind. Wie ein weiser Trainerkollege einmal zu mir sagte: “Wenn dir beim Lesen deiner Trainingspläne, die du vor 5 Jahren geschrieben hast, ein bisschen Kotze hochkommt, machst du alles richtig”. Dieser Weg ist für Trainer, die ihre Vorurteile nicht erkennen oder eine tiefere Rechtfertigung für ihre Coaching-Überzeugungen erlernen, weitaus schwieriger. Trainer mit geringer Kompetenz und hohem Selbstvertrauen sind weit weniger geneigt, sich intellektuell herauszufordern, weil sie glauben, dass sie alles wissen. Denn bekanntlich ist das Gegenteil von Wissen nicht Unwissen, sondern Ignoranz. Unterm Strich: Sich selbst glauben sollte man also nicht unbedingt – insbesondere wenn es scheint, als wäre man seit geraumer Zeit in einem sicheren Hafen angekommen. Wem aber kann man denn dann noch glauben? Mein ganz persönlicher Leitfaden dazu lautet: Ich vertraue denjenigen, die die Komplexität und Unsicherheit der Thematik anerkennen, die Grenzen Ihres Wissens bekennen, angesichts widersprüchlicher Beweise ihren Standpunkt ändern und respektvoll alternative Meinungen berücksichtigen. Und ich meide diejenigen, die genau das Gegenteil tun.    

Zuletzt aktualisiert vonPatrick Preilowski am Juni 8, 2021