Schmerzverständnis 2.0 – Teil 1: Ein Update zur Kausalität von Schmerzen und physiologischen Schäden

Wer kommt als Trainer oder Therapeut nicht mit immer wiederkehrenden (chronischen) Schmerzen bei Athleten oder Patienten in Kontakt? Das Thema ist allgegenwärtig, sei es im Breiten- oder Spitzensport, als kleines Zwicken im Knie während oder nach einer Belastung, als stark einschränkende Rückenschmerzen oder durch eine Verletzung initiiert und in der Rehabilitation hartnäckig fortwährend.
Die Schmerzforschung hat in den letzten Jahrzehnten einige große Errungenschaften eingefahren und dabei sehr spannende Entwicklungen angestoßen, jedoch scheinen die Kerninformationen zum physiologischen Aufbau, der Funktionsweise und die daraus resultierenden Behandlungsstrategien von Schmerzen kaum einen Einfluss auf die schmerzkonfrontierten Professionen zu haben. Vor allem aber haben sich in der Trainer- & Sportlerwelt grundlegende Missverständnisse etabliert, die sich sogar in sportwissenschaftliche Studien einschleichen, eine falsche Kausalität ‘vorgaukeln’ und somit nutzbare Ergebnisse verhindern. Denn…
wiederkehrende Schmerzen sind als ein multidimensionales Phänomen zu verstehen, dass nicht kompromisslos als Indikator für strukturelle, physiologische Schäden genutzt werden kann.
Im ersten Teil dieses Artikels gilt es die Kausalität “mein Knie schmerzt, also ist dort, im Gewebe, etwas nicht in Ordnung” aufzubrechen. Auch der erweiterte Zusammenhang “mein Knie schmerzt, also kann es an einer Dysfunktion in der Hüfte oder im Sprunggelenk liegen”, der dem Prinzip des Joint-By-Joint-Modells zugrunde liegt, ist hiermit uneingeschränkt eingeschlossen. Denn es gilt generell zu erkennen, dass strukturelle Abnormalitäten, Gewebeschäden oder muskuläre Dysfunktionen nicht zwingend für die Wahrnehmung von Schmerzen vorliegen müssen. Zudem konnte zahlreich und unabhängig festgestellt werden, dass Sportler zu einem undefinierten Zeitpunkt einen strukturellen “Schaden” erlitten und ihn lange Zeit mit sich tragen konnten, ohne kleinste Anzeichen von Schmerzen wahrzunehmen. Hierzu eine Auswahl an Studien, die gut erkennbare Abnormalitäten (wie Rupturen etc.) bei den Probanden feststellen konnten, diese jedoch gänzlich ohne Beschwerden oder Schmerzen daher kamen: Rücken, Hüfte, Knie & Rotatorenmanschette. Als weiterführende Einleitung in die Thematik sind folgende Grundlagen der Schmerzforschung hilfreich:

1. Schmerzen sind zum überleben notwendig und als Schutzmechanismus unseres Körpers zu verstehen

Schmerzen sind einer der effizientesten Werkzeuge des Körpers um eine Verhaltensänderung zu provozieren, wenn unser zentrales Nervensystem (ZNS) “denkt”, dass wir uns bzw. ein Körperteil in Gefahr befindet (andere Mechanismen sind z. B. Krämpfe, ein limitiertes Bewegungsausmaß oder eine reduzierte Ausgangsleistung der Muskulatur). Schmerzt eine Körperregion stark genug, unterbrechen wir unsere Handlung oder reagieren (bewusst und/oder unterbewusst) mit einer alternativen Bewegungsstrategie. So schützt z. B. das ZNS unseren Körper blitzschnell und reflexiv vor weitreichenderen Verbrennungen, wenn wir eine heiße Herdplatte berühren oder wir kriegen nach einer ungewohnten Bewegung das Programm der “Schonhaltung” eingespielt, um potentielle Gewebeschäden zu vermeiden.

2. Schmerzen sind nicht als Eingangssignale des Körpers, sondern als Ausgangssignale des Gehirns zu verstehen und somit hochgradig kontextabhängig

Dieser Punkt stellt den größten und wichtigsten Schritt zum aktuellen Schmerzverständnis dar: Schmerzen werden nicht in einer Verletzung im Körper als “Schmerzsignal” abgeschickt, welches unser Gehirn empfängt, sondern wird die Schmerzwahrnehmung zu 100% im Gehirn generiert. Eine Vielzahl an Rezeptoren in unserem Körper nehmen u.a. Spannungsunterschiede im Gewebe wahr und können bei potentiell gefährliche Veränderungen Warnsignale an das ZNS senden. Kein Schmerz ist zu spüren, bis das Gehirn diese und etliche weitere Informationen zusammengeführt, interpretiert und für gefährlich genug eingestuft hat und letztendlich die Schmerzwahrnehmung frei gibt (z. B. um die Notwendigkeit einer Regenerationszeit zu kommunizieren). Dieser Prozess ist von vielen Funktionseinheiten des Gehirns und deren Informationen abhängig, u. a. von den Arealen der Emotionssteuerung, Erinnerungsspeicherung und Planung zukünftiger Entscheidungsprotokolle. Demnach kann man einem holistischen Schmerzverständnis nur gerecht werden, wenn neben der Vielzahl an biologischen Größen, gleichermaßen psychologische und soziale Faktoren betrachtet werden und die Einsicht erlangt wird, dass eine rein bewegungsbasierende Therapieform nicht immer eine hinreichende Lösung bieten kann. So wird z. B. das Gehirn eines professionellen Klavierspielers bei einem Warnsignal aus dem Handgelenk ein ganz anderes Level an Schmerzwahrnehmung generieren als das eines Fussballers, trotz gleicher Signalstärke. Mit den Worten des Rockstars der Schmerzforschung Lorimer Moseley zusammenfassend:
„Pain depends on how much danger your brain thinks you are in, not how much danger you are really in.“
In den nächsten Teilen des Artikels werden wir uns mit den aktuellen Systemen und Analogien zum Verständnis von Schmerzen beschäftigen (Neuromatrix, Braintags und das Modell des “Gefahren-Fasses”) und im Rahmen dieser die trainerrelevanten Prozesse, Prinzipien und Chancen exemplarisch versuchen auszuführen.

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