Etappe 3 von 10
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3. Der Dunning-Kruger-Effekt

“One of the painful things about our time is that those who feel certainty are stupid, and those with any imagination and understanding are filled with doubt and indecision.” – Bertrand Russell

Die Dunning-Kruger-Kurve

Das einleitende Zitat des britischen Philosophen Bertrand Russell fasst den Dunning-Kruger-Effekt und seine heutige Relevanz wunderschön zusammen. Dieses menschliche Manko, das auf unvollstĂ€ndigem oder fehlgeleitetem Wissen beruht, fĂŒhrt auch viele Trainer und Sportler dazu, zum Teil recht lĂ€cherliche Dinge zu glauben, zu sagen und zu tun. DarĂŒber hinaus hindert es sie daran, ihre eigenen Fehler zu erkennen und motiviert nicht selten dazu, die ‘Dummheit’ anderer öffentlich hervorzuheben.

Wir alle haben diese Zone der SelbsttĂ€uschung erlebt und es ist auch relativ leicht, sich darin zu verfangen. Insbesondere fĂŒr diejenigen, die unabhĂ€ngig von ihren ‘kognitiven FĂ€higkeiten’ ein hohes Maß an Erfolg erreicht haben. In diesem Kommentar geht es hauptsĂ€chlich um die Relevanz des Effekts in unserer Profession und die Möglichkeit sich davor zu schĂŒtzen im falschen Teil der Dunning-Kruger-Kurve hĂ€ngenzubleiben. 

Der Dunning-Kruger-Effekt im Trainer-Setting

Als Trainer ist der Weg vom AnfĂ€nger zum Experten aufgrund der komplexen und zahlreichen relevanten Themenfelder eine große Herausforderung, wobei ein großes Hindernis dabei die Realisierung der eigenen Wissensgrenzen darstellt. Wenn dieser Schritt ĂŒbersprungen wird, liegt hĂ€ufig eine zu enge Konzeptualisierung der zu erreichenden LeistungsfĂ€higkeit (oder Schmerzreduktion) und der dafĂŒr benötigten Interventionsmöglichkeiten vor. Neben der nun hĂ€ufig angesprochenen AffinitĂ€t von Trainern zu Neuro-Mythen liegt bei der Reha- & Trainingsgestaltung noch immer vermehrt der Fokus auf biomedizinische Faktoren – insbesondere die rein biomechanische Perspektive im Kontext von Sportverletzungen und sportlicher Leistung. Die menschliche LeistungsfĂ€higkeit ist jedoch bekanntlich komplex und multifaktoriell (hierzu 11 wichtige Paper), sodass wir als Trainer biologische, ökologische, soziale und psychologische Faktoren mit berĂŒcksichtigen mĂŒssen. Das Nichterkennen der Wichtigkeit und die fehlende FĂ€higkeit, die KomplexitĂ€t in unserer Entscheidungsfindung zu erkennen, kann darauf deuten, dass man sich am höchsten “Confidence-Punkt” der Dunning-Kruger-Kurve befindet.

Hinzu kommt, dass Menschen sich hĂ€ufig von selbstbewussten Menschen angezogen fĂŒhlen und diesen folgen, da die ausgestrahlten Attribute leicht mit Know-How und FĂŒhrungsqualitĂ€ten verwechselt werden können (vgl. auch den Halo-Effekt). Trainer oder Therapeuten werden auch durch die Zusammenarbeit mit erfolgreichen Athleten beurteilt. Wenn ein Trainer mit hochkarĂ€tigen Sportlern zusammenarbeitet, ist es durchaus wahrscheinlicher, dass man die publiken Gewinne der Sportler mit der Eigenleistung als Trainer in Verbindung bringt – insbesondere wenn etwas besser wird, schreiben wir es uns gern auf die eigene Kappe. Wenn wir uns jedoch von unserem Ziel entfernen, muss es einen anderen Grund außerhalb des Trainings dafĂŒr geben (vgl. u.a. den “Illusion of Control”- Bias oder Selective Perception – Bias). Wenn dies geschieht, wird das Selbstvertrauen und das Ego mit einer Geschwindigkeit wachsen, die hĂ€ufig in keinem VerhĂ€ltnis zum Fachwissen steht.

Selbst fĂŒr die engagiertesten Trainer ist es nicht einfach, auf der Dunning-Kruger-Kurve voranzukommen. Die Lernreise kann schmerzhaft sein, insbesondere wenn wir beginnen, die Grenzen unseres Fachwissens zu erkennen. Egos stĂŒrzen sich in eine Grube der Verzweiflung und das Ergebnis kann zu einer Vertrauenskrise ausarten (“was und wem kann man denn jetzt noch glauben?”). Kommt es so weit, sollte man sich klarmachen, dass Selbstzweifel und das Erkennen von eigenen Fehlern völlig normal und ein wichtiger Teil der Reise sind. Wie ein weiser Trainerkollege einmal zu mir sagte: “Wenn dir beim Lesen deiner TrainingsplĂ€ne, die du vor 5 Jahren geschrieben hast, ein bisschen Kotze hochkommt, machst du alles richtig”.

Dieser Weg ist fĂŒr Trainer, die ihre Vorurteile nicht erkennen oder eine tiefere Rechtfertigung fĂŒr ihre Coaching-Überzeugungen erlernen, weitaus schwieriger. Trainer mit geringer Kompetenz und hohem Selbstvertrauen sind weit weniger geneigt, sich intellektuell herauszufordern, weil sie glauben, dass sie alles wissen. Denn bekanntlich ist das Gegenteil von Wissen nicht Unwissen, sondern Ignoranz.

Unterm Strich: Sich selbst glauben sollte man also nicht unbedingt – insbesondere wenn es scheint, als wĂ€re man seit geraumer Zeit in einem sicheren Hafen angekommen. Wem aber kann man denn dann noch glauben? Mein ganz persönlicher Leitfaden dazu lautet: Ich vertraue denjenigen, die die KomplexitĂ€t und Unsicherheit der Thematik anerkennen, die Grenzen Ihres Wissens bekennen, angesichts widersprĂŒchlicher Beweise ihren Standpunkt Ă€ndern und respektvoll alternative Meinungen berĂŒcksichtigen. Und ich meide diejenigen, die genau das Gegenteil tun.

 

 

 

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